Ausgabe 3/2026

WIdO-Themen

Heilmittel-Report 2026

Ein jüngst erschienener Report des WIdO analysiert den aktuellen Heilmittelmarkt und zeigt Wege zur Verbesserung der Versorgung mit den entsprechenden Therapien auf.

Für die Physiotherapie, Ergotherapie, die Stimm-, Sprech-, Sprach- und Schlucktherapie (SSSST) sowie die Podologie gilt gleichermaßen: Die Versorgungsqualität kann derzeit nicht valide beurteilt werden – und das bei gleichzeitig stark wachsenden Ausgaben: Die GKV-Ausgaben für Heilmitteltherapien haben sich innerhalb von zehn Jahren von 6,1 Milliarden Euro im Jahr 2015 auf knapp 13,3 Milliarden Euro im Jahr 2024 mehr als verdoppelt. Ende 2025 lagen sie bereits bei 14,7 Milliarden Euro, was ein weiteres Wachstum von 10,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr darstellt.

Zum jetzigen Zeitpunkt kann die Qualität der in Anspruch genommenen Heilmitteltherapien nicht bewertet werden, denn eine systematische Qualitätsmessung, wie sie in anderen Versorgungssektoren besteht, fehlt. Dieses Problem adressiert der Heilmittel-Report 2026. In insgesamt 23 Kapiteln benennen Expertinnen und Experten Forschungsbedarfe, strukturelle Hindernisse, Ansätze zur Messung und Verbesserung von Qualität sowie Lösungsvorschläge. Für die systematische Qualitätsmessung bieten Routinedaten ein großes Potenzial und sollten genutzt werden. Auf Basis von Abrechnungsdaten lassen sich schon heute umfangreiche Analysen durchführen. Mit dem strukturierten Aufbau von Qualitätsindikatoren können Routine-346462393daten dann auch zur Qualitätsmessung beitragen.

Die Akademisierung der Heilmittelberufe bildet eine zentrale Stellschraube, wenn es um die Qualitätsverbesserung von Heilmitteltherapien geht. In 82 Prozent der europäischen Länder ist ein Bachelor-Abschluss Mindestvoraussetzung für Heilmitteltherapeutinnen und -therapeuten, in 13 Prozent sogar ein Masterabschluss. Deutschland ist das einzige europäische Land ohne eine entsprechende Anforderung. Die Akademisierung ermöglicht es den Therapieberufen im Heilmittelbereich, eigenständige Forschungsstrukturen auszubauen, die zum Transfer wissenschaftlicher Befunde in die Praxis und folglich zu evidenzbasierten Therapieentscheidungen beitragen können.

Im Heilmittel-Report 2026 ist außerdem dargestellt, wie die interprofessionelle Zusammenarbeit, die Entwicklung von Qualitätsmessinstrumenten und die Leitlinien im Praxisalltag zur Qualitätsverbesserung beitragen können.

Kostenloser Download unter: doi.org/10.1007/978-3-662-73466-7

Nadescha Bachayov, wissenschaftliche Mitarbeiterin im WIdO

„Eine moderne Heilmittelversorgung braucht nicht nur ausreichende Ressourcen, sondern vor allem Transparenz über Qualität und Wirksamkeit.“

Nadescha Bachayov, wissenschaftliche Mitarbeiterin im WIdO

WIdOmonitor: Angehörige unter Druck

Für pflegende Angehörige in Deutschland ist die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege eine der zentralen Herausforderungen. Das zeigt der aktuelle WIdOmonitor.

Eine nach Pflegegraden repräsentative forsa-Umfrage unter rund 1.500 pflegenden Angehörigen ergab: Die informelle Pflege ist weiterhin nicht geschlechtsneutral organisiert und hat weitreichende Folgen für Erwerbsbiografien, Einkommen und Gesundheit der Betroffenen. Fast zwei Drittel der pflegenden Angehörigen (63 Prozent) sind täglich in die Versorgung und Betreuung der pflegebedürftigen Person eingebunden. 28 Prozent der Pflegenden arbeiten in Teilzeit, 45 Prozent von ihnen reduzierten aufgrund der Pflege. Über 40 Prozent gelten als hochbelastet. Die Ergebnisse unterstreichen die Relevanz beBevölkedarfsorientierter Informationen, niedrigschwelliger Angebote und einer Stärkung wohnortnaher Unterstützungsstrukturen wie lokaler Netzwerke und nachbarschaftlicher Hilfe.

Aktuelle Prognose: mehr Demenzfälle bis 2060

Zahl der Demenzfälle wird bei steigender Lebenserwartung auf bis zu 2,1 Millionen im Jahr 2060 zunehmen, bei gleichzeitiger Abnahme der Erwerbsbevölkerung.

Aktuelle Prognosen des WIdO in Kooperation mit den Universitäten Trier, Rostock und Köln zeigen stark steigende Demenzzahlen. Der deutliche Zuwachs bei den Demenzfällen ist geringer, wenn in Präventionsszenarien angenommen wird, dass die Rate der Demenz-Neuerkrankungen zurückgeht. Dann könnten sich die Demenz-Fallzahlen im Jahr 2060 zwischen 1,3 und 1,5 Millionen Fällen stabilisieren. Alle Prognoseszenarien zeigen gleichzeitig jedoch einen Rückgang der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter. Dementsprechend wird der steigenden Demenz-Fallzahl eine geringere Zahl an Personen im Alter von 20 bis 65 Jahren gegenüberstehen, die die Versorgung gewährleisten können. Selbst im optimalen Präventionsszenario wird daher der Versorgungsbedarf im Jahr 2060 im Vergleich zu 2020 um mindestens zehn Prozent zunehmen. Diese Entwicklung wird sich regional sehr unterschiedlich darstellen und insbesondere ländliche Regionen mit einer alternden Bevölkerung deutlicher betreffen.

Alle Ergebnisse sind in der englischsprachigen Original-Publikation (Open Access) verfügbar: doi.org/10.1007/s10654-026-01392-4

Krankenkassen können Versicherte gemäß § 25b SGB V proaktiv auf individuelle Risiken hinweisen. ClaimsBERT entwickelt hierfür ein universelles Basis-Modell, das auf bundesweiten AOK-Daten vortrainiert wird. BERT steht für „Bidirectional Encoder Representations from Transformers“. BERT-Modelle lernen Zusammenhänge in Sequenzen ähnlich wie bei Wörtern in einem Satz und können Muster in der Abfolge medizinischer Diagnosen erkennen. So soll eine effiziente Vorhersage für eine Vielzahl unterschiedlicher Endpunkte erreicht werden. Das Projekt wird durch den Innovationsfonds beim Gemeinsamen Bundesausschuss für drei Jahre gefördert und ist im März 2026 gestartet.

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Analysen – Schwerpunkt: Hitze und Gesundheit

Klimawandel, Hitze und Gesundheit in Deutschland

Elke Hertig

Der anthropogene Klimawandel hat in Deutschland bereits zu einem signifikanten Temperaturanstieg geführt und erhöht mit fortschreitender Erwärmung die Häufigkeit, die Dauer und die Intensität von Hitzeereignissen. Die Verschiebung der Temperaturverteilung begünstigt längere und stärkere Hitzewellen, insbesondere in Tiefland- und urbanen Regionen, wo städtische Wärmeinseleffekte die nächtliche Abkühlung mindern. Hochaufgelöste Klimamodelle zeigen, dass sich die Dauer starker jährlicher Hitzewellen bei einer Erwärmung von 3 °C deutlich verlängert und Tage mit ausgeprägtem Hitzestress stark zunehmen könnten. Diese Entwicklungen haben erhebliche gesundheitliche Folgen, vor allem für ältere Menschen, chronisch Erkrankte, sozial benachteiligte Gruppen und Stadtbevölkerungen. Hitze wirkt primär über kardiovaskuläre, respiratorische und renale Belastungen und wird durch Wechselwirkungen mit Luftschadstoffen wie Ozon und Feinstaub weiter verstärkt. Projektionen deuten auf einen deutlichen Anstieg der hitzebedingten Mortalität hin, selbst unter moderaten Emissionsszenarien. Anpassungsmaßnahmen und Prävention können die Gesundheitslast reduzieren, stoßen jedoch an physiologische und gesellschaftliche Grenzen, weshalb Hitzeschutz als zentrale Aufgabe der öffentlichen Gesundheit langfristig verankert werden muss.

Hitzewarnungen und Hitzeaktionspläne

Andreas Matzarakis

Hitze und deren Auswirkungen – darüber herrscht allgemein Einigkeit – sind der Faktor, der in Zukunft im Zusammenhang mit dem Klimawandel die größte Belastung für Menschen sein wird. Es existieren bereits gute Kenntnisse und Anpassungsmöglichkeiten, allerdings weniger im Bereich der Kommunikation der Auswirkungen sowie der Möglichkeiten der Anpassung. Die jetzigen Warnsysteme und Maßnahmen, die auch Teil von Hitzeaktionsplänen sind, sind allgemein bekannt und gut dokumentiert. Zwei dieser Erfolgsfaktoren sind zum einen ein gut funktionierendes Hitzewarnsystem sowie zum anderen Maßnahmen für Städte und Bauwesen sowie für das öffentliche Gesundheitssystem.

Hitze in der Arbeitswelt: Auswirkungen und Prävention

Julia Hellmann, Verena Kantrowitsch, Caroline Quartucci und Hannah Lehmann

Hitze in der Arbeitswelt ist bereits heute ein relevantes Gesundheitsrisiko für Erwerbstätige und wird durch den Klimawandel weiter an Bedeutung gewinnen. Auf Grundlage aktueller Studien und Arbeitsunfähigkeitsdaten zeigt der Beitrag, dass Hitze schon jetzt messbare Auswirkungen auf Gesundheit, Arbeitsunfähigkeit und betriebliche Abläufe hat. Besonders betroffen sind Beschäftigte in Außenberufen und in aufgeheizten Innenräumen sowie Personen mit Vorerkrankungen oder hoher körperlicher Belastung. Neben individuellen Risiken spielen auch strukturelle Faktoren wie Arbeitsorganisation, fehlende Infrastruktur oder betriebliche Kultur eine wichtige Rolle. Dieser Beitrag stellt betriebliche Handlungsmöglichkeiten vor. Im Mittelpunkt stehen dabei rechtliche Anforderungen, betriebliche Hitzeschutzpläne sowie Kommunikationsstrategien, die Hitzeschutz dauerhaft im Arbeits- und Gesundheitsschutz verankern können.

WIdO Impuls

Alt, aber gesund: Pflegerisiko und Finanzausgleich

Dietmar Haun und Robert Messerle

Die aktuelle Pflegereformdebatte hat die Frage nach einer gerechteren Lastenverteilung im dualen System der Pflegeversicherung neu entfacht. Zuletzt wurde argumentiert, ein Finanzausgleich mit der privaten Pflegepflichtversicherung (PPV) sei kaum wirksam, da die PPV aufgrund ihrer alternden Versichertenstruktur künftig stärker belastet werde. Die Analyse neuer empirischer Daten zeigt jedoch: Trotz inzwischen ungünstigerer Altersstruktur weist die PPV weiterhin deutlich niedrigere Pflegeprävalenzen und Ausgaben auf. Dieser Befund widerspricht der These, dass demografische Alterung automatisch zu einer Angleichung der Risiko- und Kostenprofile führt. Ausschlaggebend sind vielmehr selektive Zugangsmechanismen zur privaten Kranken- und Pflegeversicherung, die zu einer Konzentration günstiger Risiken in der PPV und belasteter Bevölkerungsgruppen in der sozialen Pflegeversicherung (SPV) führen. Die Ergebnisse unterstreichen, dass ein Finanzausgleich weiterhin eine sinnvolle Reformoption zur besseren Abbildung der unterschiedlichen Pflegerisiken darstellt. Dieser könnte zugleich einen Beitrag zur Stabilisierung der Pflegefinanzierung in der SPV leisten.