Ausgabe 2/2026, April

WIdO-Themen

Neue ATC-Klassifikation 2026

Die Arzneimittelklassifikation steht jetzt in einer aktualisierten amtlichen Fassung bereit. 

Im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) erstellt das WIdO jähr­lich in einem regelgebundenen und trans­parenten Verfahren die amtliche Fassung der anatomisch-therapeutisch-chemi­schen Klassifikation (ATC) mit Tagesdo­sen (DDD) für den deutschen Arzneimit­telmarkt. Zum 1. Januar ist die aktuali­sierte amtliche Fassung für das Jahr 2026 erschienen. Grundlage ist die jedes Jahr im Frühjahr erscheinende ATC/DDD-Klassifikation des GKV-Arzneimittelin­dex. Die amtliche Klassifikation ermög­licht eine transparente Erfassung der Arz­neimittelverordnungen in Deutschland und wird für gesetzliche Anwendungs­zwecke gemäß dem Fünften Buch des So­zialgesetzbuches (SGB V) genutzt.

Die deutsche ATC-Klassifikation ist mit der internationalen Klassifikation der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sowie den deutschen Verordnungsbeson­derheiten kompatibel; sie basiert auf der WHO-Systematik und wird um nationale Besonderheiten ergänzt.

In Zusammenarbeit mit dem Bundes­institut für Arzneimittel und Medizinpro­dukte (BfArM) wurde die amtliche deut­sche Fassung der ATC/DDD-Klassifikation in das FHIR-Format überführt, das einen schnellen Datenaustausch unterstützt. Sie wird auf dem Terminologie-Server des BfArM bereitgestellt. Vorrangig soll die ATC-Klassifikation für die elektronische Patientenakte genutzt werden. Perspekti­visch sind weitere digitale Anwendungs­fälle vorgesehen. In einem Kommentie­rungsverfahren wurde das bereitgestellte FHIR-Package von interessierten Personen, Organisationen und Unternehmen auf Eig­nung geprüft. Dabei konnten Wünsche und Bedarfe zur Weiterentwicklung benannt werden. Die Ergebnisse dieses Kommentie­rungsverfahrens finden sich hier.

Zukünftig soll die ATC-Klassifikation auch für den grenzüberschreitenden EU-Datenaustausch (National Contact Point for eHealth, NCPeH) verwendet werden. Um für den Service ePrescription/eDispensa­tion ab Anfang 2027 die ersten Rezeptdaten austauschen zu können, wird die deutsche ATC-Klassifikation auch in einer englischen Version nutzbar sein. Versicherten soll es künftig möglich sein, ihre elektronischen Rezepte in einer Apotheke ihrer Wahl im europäischen Ausland einzulösen.

Die aktuelle ATC-Klassifikation steht hier zum Download bereit.

Zwischenbilanz: Pflegebudget im Fokus

Das WIdO analysiert in einem aktuellen e-Paper die Auswirkungen des Pflegebudgets.

Seit dem Budgetjahr 2020 werden die Personalkosten für die Pflege am Bett nicht mehr über Fallpauschalen, sondern über ein krankenhausindividuelles Pflegebudget auf Basis der Selbstkostendeckung finanziert. Das Volumen des Pflegebudgets stieg von 2020 bis 2024 von 19,4 auf 26,1 Milliarden Euro. Das Kostenwachstum hat sich dabei beschleunigt, von rund sechs Prozent Zuwachs in den Jahren 2021 und 2022 auf 8,4 Prozent 2023 und 10,5 Prozent 2024. Die Zahl der Pflegevollkräfte in den Krankenhäusern stieg zwischen 2019 und 2024 um mehr als 50.000 – ein durchschnittliches Wachstum von 3,4 Prozent. Zwischen 2011 und 2018 waren es nur 0,7 Prozent. Die Fallzahlen im Krankenhaus sind seit 2020 rückläufig. In der Langzeitpflege nahm die
Zahl der Pflegekräfte seit der Einführung des Pflegebudgets deutlich langsamer zu als in den Vorjahren, obwohl die Zahl der zu versorgenden Menschen nicht gesunken ist.

Der Anstieg beim Pflegepersonal hat nicht zu einer besseren Einhaltung der Personaluntergrenzen geführt. Die Budgetverhandlungen zwischen Krankenkassen und Krankenhäusern haben sich verlangsamt, und es waren Korrekturen zur Vermeidung von Doppelfinanzierungen erforderlich. Das Pflegebudget hat den Personalaufbau im Krankenhaus zwar begünstigt, setzt zugleich aber Fehlanreize. Eine Weiterentwicklung der Pflegefinanzierung erscheint daher notwendig.

Algorithmen für die Gesundheit

Das Projekt ClaimsBERT nutzt innovative KI-Methoden, um Gesundheitsrisiken zu identifizieren.

Wie können uns Daten warnen, bevor eine Krankheit schwer verläuft oder Pflegebedürftigkeit eintritt? Das WIdO und das Fraunhofer Institut für Algorithmen und wissenschaftliches Rechnen entwickeln einen neuen Ansatz für die medizinische Risikovorhersage. Bisher beziehen sich Vorhersagemodelle oft auf eine einzelne Erkrankung und sind auf Expertenwissen angewiesen. Im Projekt ClaimsBERT wird nun Deep Learning eingesetzt, um aus anonymisierten GKV-Routinedaten komplexe Krankheitsverläufe vorherzusagen. Zahl der Pflegekräfte seit der Einführung des Pflegebudgets deutlich langsamer zu als in den Vorjahren, obwohl die Zahl der zu versorgenden Menschen nicht gesunken ist.
Der Anstieg beim Pflegepersonal hat nicht zu einer besseren Einhaltung der Personaluntergrenzen geführt. Die Budgetverhandlungen zwischen Krankenkassen und Krankenhäusern haben sich verlangsamt, und es waren Korrekturen zur Vermeidung von Doppelfinanzierungen erforderlich. Das Pflegebudget hat den Personalaufbau im Krankenhaus zwar begünstigt, setzt zugleich aber Fehlanreize. Eine Weiterentwicklung der Pflegefinanzierung erscheint daher notwendig. wido.de > Publikationen & Produkte > WIdO e-Paper > WIdO e-Paper 6: Das Pflegebudget: eine empirische Zwischenbilanz.

Krankenkassen können Versicherte gemäß § 25b SGB V proaktiv auf individuelle Risiken hinweisen. ClaimsBERT entwickelt hierfür ein universelles Basis-Modell, das auf bundesweiten AOK-Daten vortrainiert wird. BERT steht für „Bidirectional Encoder Representations from Transformers“. BERT-Modelle lernen Zusammenhänge in Sequenzen ähnlich wie bei Wörtern in einem Satz und können Muster in der Abfolge medizinischer Diagnosen erkennen. So soll eine effiziente Vorhersage für eine Vielzahl unterschiedlicher Endpunkte erreicht werden. Das Projekt wird durch den Innovationsfonds beim Gemeinsamen Bundesausschuss für drei Jahre gefördert und ist im März 2026 gestartet.

Die WIdO-Seiten zum Herunterladen

Analysen – Schwerpunkt: Interprofessionalität

Interprofessionalität und ihr Potenzial für die Pflege

Katrin Balzer, Nina Fleischmann, Britta Tetzlaff und Christiane A. Müller

Das deutsche Gesundheits- und Pflegesystem steht vor enormen Herausforderungen, wie dem demografischen Wandel und dem Fachkräftemangel, während kooperative Versorgungsmodelle, die Akademisierung des Pflegeberufes und erweiterte Rollen an Bedeutung gewinnen. Dieser Beitrag untersucht, inwiefern interprofessionelle Zusammenarbeit (IPZ) in der ambulanten Versorgung Pflegebedürftiger die Versorgungsqualität verbessert und den Pflegeberuf stärkt. Deutsche Studien zeigen: IPZ findet in diesem Setting kaum statt. Das liegt unter anderem an strukturellen Barrieren (fehlende Vergütung, Zeitmangel, schlechte Erreichbarkeit) sowie an individuellen Faktoren (mangelnde Anerkennung, fehlendes persönliches Kennen). Erfolgsfaktoren sind zum Beispiel Rollenklarheit, feste Kommunikationswege und Vertrauen. Jüngere Konzepte für die interprofessionelle Versorgung von Personen mit komplexen Bedarfslagen zeigen meist positive Effekte auf die IPZ bei gemischten Resultaten im Zusammenhang mit patienten- und ressourcenbezogenen Zielgrößen. Insgesamt erscheinen sie als vielversprechende Ansätze für eine bedarfsgerechte Versorgung. Für eine nachhaltige Verbesserung sind Anpassungen der gesetzlichen Rahmenbedingungen, gemeinsame Leitlinien und eine interprofessionelle Ausbildung erforderlich.

Interprofessionalität in der ambulanten Versorgung

Mike Harald Traub, Lorena Dini und Sydney Odonkor

Interprofessionalität als Strukturvoraussetzung der ambulanten Versorgung wird als zentrales Organisations- und Steuerungsprinzip analysiert. Der Beitrag argumentiert, dass demografischer Wandel, Multimorbidität und Fachkräftemangel weniger durch zusätzliche Einzelleistungen als durch effizient gestaltete Versorgungsstrukturen beantwortet werden können. Interprofessionelle Teams ermöglichen eine gezielte Reallokation knapper ärztlicher Ressourcen, reduzieren Koordinations- und Transaktionskosten und stabilisieren Versorgungsqualität. Zugleich zeigen internationale Beispiele aus Europa, Kanada, Australien und den USA, dass institutionell verankerte Teammodelle mit populations- oder prozessbezogener Finanzierung nachhaltige Effizienz- und Qualitätsgewinne erzielen. Für Deutschland werden Hybrid-DRGs (hybride Diagnosis Related Groups), berufsrechtliche Öffnungen und teamorientierte Vergütungslogiken als Hebel identifiziert, um interprofessionelle Zusammenarbeit aus der Modellhaftigkeit in die Regelversorgung zu überführen. Interprofessionalität erscheint damit weniger als optionale Qualitätsmaßnahme, denn als politische Strukturentscheidung zur langfristigen Sicherung ambulanter Leistungsfähigkeit.

Interprofessionelle Zusammenarbeit im Rettungswesen

Karsten Fehn und Frank Sarangi

Interprofessionelle Zusammenarbeit ist zu einem tragenden Strukturprinzip moderner Gesundheitsversorgung geworden. Gerade in zeitkritischen Versorgungssituationen des Rettungsdienstes zeigt sich, dass eine flächendeckende, qualitätsgesicherte Notfallversorgung ohne rechtssichere Formen arbeitsteiliger Leistungserbringung nicht mehr gewährleistet werden kann. Der Schwerpunkt dieses Beitrags liegt auf der Zusammenarbeit zwischen Notärzten und Notfallsanitätern unter Berücksichtigung des Notfallsanitätergesetzes und des Rettungsdienstrechts. Er zeigt auf, dass bestehende strukturelle Unsicherheiten weniger auf rechtliche Defizite als vielmehr auf organisations- und steuerungspolitische Inkonsistenzen zurückzuführen sind, und entwickelt Lösungsansätze für eine rechtssichere, patientensichere und zukunftsfähige Ausgestaltung interprofessioneller Notfallversorgung.

Studie im Fokus

Frühe Syphilis: Reicht eine Einzeldosis Penicillin G?

Anja Debrodt

Eine private Pflegezusatzversicherung hat die Funktion, eine Finanzierungslücke für den Pflegefall im Alter zu schließen und das Vermögen zu sichern. Die Nachfrage nach den Policen ist jedoch trotz des zunehmenden Risikos gering. Nicht mehr als fünf Prozent der Pflegeversicherten in Deutschland verfügen über eine kapitalgedeckte Pflegezusatzversicherung. Nach den empirischen Analysen dieses Beitrags ist die Verbreitung dieser Versicherungen überwiegend auf wohlhabende Bevölkerungsgruppen und die privat Pflegeversicherten konzentriert. Die Verbreitung in vulnerablen Bevölkerungsgruppen ist hingegen rudimentär. Das Bestreben, private Pflegeversicherungen mit steuerlicher Förderung zur Lösung der Finanzierungsdefizite in der sozialen Pflegeversicherung einzusetzen, ist mit Skepsis zu betrachten. Zumindest bei einem Versicherungskonzept auf freiwilliger Basis würde eine höhere Förderung dieser Versicherungsangebote in erster Linie einkommens- und vermögensstarken Personen zugutekommen.